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Leseprobe.

Adam Haslett Union Atlantic

Deutsch von Strätling, Uda

Auszug S. 72ff

Hören Sie. In Ihrem Bericht über Fanshawe erwähnen Sie, dass er Verfasser mehrerer unveröffentlichter Bücher war. Eins davon hieß Neverland. Abgesehen von Ihrer Vermutung, gewisse Ereignisse in dem Buch gingen auf gewisse Ereignisse in Fanshawes Leben zurück, sagen Sie leider nichts dazu, nichts zur Handlung, überhaupt nichts zu dem Buch. Nur eine kurze Nebenbemerkung – in Klammern, will ich noch dazusagen –, die folgendermaßen lautet. Ich zitiere aus dem Gedächtnis:
(Montags Haus in Kapitel sieben; Floods Traum in Kapitel dreißig). Da Sie, Mr. Blank, Neverland also offensichtlich gelesen haben und da Sie einer der wenigen auf der Welt sind, die es gelesen haben, wäre ich Ihnen zutiefst dankbar, aus tiefstem Grunde meines unglücklichen Herzens dankbar, wenn Sie versuchen könnten, sich den Inhalt dieses Traums ins Gedächtnis zurückzurufen.

So wie Sie davon reden, ist Neverland offenbar ein Roman.
Ja, Sir. Ein literarisches Werk.
Und Fanshawe hat Sie darin auftreten lassen?
Allerdings. Daran ist doch nichts Merkwürdiges. Soweit ich weiß, tun Schriftsteller das ständig.
Das mag sein, aber ich verstehe nicht, warum Sie darüber so in Wallung geraten. Den Traum hat es nie gegeben. Das sind nur Worte auf einem Blatt Papier – reine Erfindung. Vergessen Sie das, Mr. Flood. Es hat nichts zu bedeuten.
Für mich hat es etwas zu bedeuten, Mr. Blank. Mein ganzes Leben hängt davon ab. Ohne diesen Traum bin ich nichts, buchstäblich nichts.
Die Leidenschaft, mit der der sonst so reservierte Expolizist diesen letzten Satz ausspricht – eine Leidenschaft, die vom Schmerz einer echten, herzzerreißenden Verzweiflung entfacht wird –, macht auf Mr. Blank einen geradezu komischen Eindruck, und zum ersten Mal seit den ersten Worten dieses Berichts lacht er laut auf. Wie nicht anders zu erwarten, reagiert Flood gekränkt, denn niemand hat Freude daran, wenn ein anderer so herzlos auf seinen Gefühlen herumtrampelt, am allerwenigsten ein so dünnhäutiger Mensch, wie Flood es in diesem Augenblick ist.
Das nehme ich Ihnen übel, Mr. Blank, sagt er. Sie haben kein Recht, mich auszulachen.
Schon möglich, sagt Mr. Blank, als der Krampf in seiner Brust sich gelegt hat, aber ich konnte einfach nicht anders. Sie nehmen sich so furchtbar ernst, Mr. Flood. Und das wirkt nun einmal lächerlich.
Vielleicht bin ich lächerlich, sagt Flood mit zunehmender Wut, aber Sie, Mr. Blank ... Sie sind grausam ... grausam und gleichgültig gegen den Schmerz Ihrer Mitmenschen. Sie spielen mit dem Leben anderer Leute und übernehmen keine Verantwortung für das, was Sie getan haben. Ich habe nicht vor, hier sitzen zu bleiben und Sie mit meinen Sorgen zu langweilen, aber ich mache Sie verantwortlich für das, was mir widerfahren ist. Sie allein sind schuld daran, und ich verachte Sie dafür.

Sorgen?, sagt Mr. Blank plötzlich in gemäßigtem Ton;er gibt sich alle Mühe, ein wenig Mitgefühl zu zeigen. Was denn für Sorgen?
Zum einen die Kopfschmerzen. Zum andern, dass ich gezwungen wurde, so frühzeitig aus dem Dienst zu scheiden. Und dass ich bankrott bin. Und schließlich die Sache mit meiner Frau, oder eher meiner Exfrau, ganz zu schweigen von meinen Kindern, die nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Mein Leben liegt in Trümmern, Mr. Blank. Ich gehe durch die Welt wie ein Gespenst, und manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt noch existiere. Ob ich überhaupt jemals existiert habe. Und Sie meinen, wenn Sie etwas über diesen Traum erfahren, könnte das alle ihre Probleme lösen? Das möchte ich aber sehr bezweifeln.
Der Traum ist meine einzige Chance. Er ist ein Teil von mir, und er ist mir verlorengegangen, und erst wenn ich ihn wiederfinde, kann ich wieder ich selbst sein.
Ich kann mich an Fanshawe nicht erinnern. Ich kann mich nicht erinnern, seinen Roman gelesen zu haben. Ich kann mich nicht erinnern, den Bericht geschrieben zu haben. Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, Flood, aber die Behandlung, der man mich hier unterzieht, hat mein Gehirn zu einem Klumpen rostigen Eisens gemacht.
Versuchen Sie sich zu erinnern. Mehr verlange ich nicht von Ihnen. Versuchen Sie es.
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