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Leseprobe.Hans-Peter Rodenberg Hemingway, ErnestLeseprobe
Home, sweet home … Ich bin mitten im Land, mitten im Goldenen Zeitalter der amerikanischen Mittelschicht aufgewachsen. Meine Eltern kamen ursprünglich aus Minnesota, zogen südwärts, nach Chicago, wo ich geboren wurde, und siedelten sich schließlich in Missouri an, dem kartographischen Angelpunkt des Landes. Als Kind legte ich großen Wert auf die Tatsache, dass kein US-amerikanischer Bundesstaat mit mehr Staaten gemeinsame Grenzen hat als Missouri (er und Tennessee grenzen an acht) und dass dessen Nachbarn an so abgelegene Staaten wie Georgia und Wyoming stoßen. Das «Bevölkerungszentrum» der Nation – welches Getreidefeld oder welche Landstraßenkreuzung auch immer die jüngste Volkszählung als den demographischen Schwerpunkt Amerikas ermittelt hatte – war nie mehr als ein paar Autostunden von unserem Wohnort entfernt. Unser Winter war besser als der in Minnesota, unser Sommer besser als der in Florida. Und unsere Stadt, Webster Groves, lag in der Mitte dieser Mitte … Webster Groves war, wie meine Mutter, Goldlöckchen zitierend, gern sagte, «genau richtig». ---Seite 22--- Katrina, New Orleans & George W. Bush... Empört war ich auch über die Folgen von Katrina. In jenem September konnte ich eine Zeitlang nicht ins Internet gehen, eine Zeitung aufschlagen oder auch nur an einem Automaten Geld ziehen, ohne mit Aufrufen konfrontiert zu werden, den obdachlosen Opfern des Hurrikans zu helfen. Die Benefiz-Maschinerie war so weitreichend und gut organisiert, dass sie fast schon amtlich wirkte – wie die «Untersützt unsere Truppen»-Schleifen, die über Nacht an jedem zweiten Wagen im Land aufgetaucht waren. Ich aber fand, Katrinas obdachlosen Opfern zu helfen sei Aufgabe der Regierung, nicht meine. (…) Bush hatte nicht nur den Katastrophen- und Hochwasserschutz vernachlässigt; abgesehen vom Irak war da kaum etwas, was er nicht vernachlässigt hatte. Warum sollte ich gerade für diese Katastrophe etwas lockermachen? Und warum Leuten, die, wie ich fand, das Land zugrunde richteten, politischen Beistand leisten? (…) Als New Yorker, fand ich, hatte ich das Recht, mein Leben zu genießen, weil ich auf der Terroristen-Zielscheibe Nummer eins der westlichen Hemisphäre lebte, dem bevorzugten Reiseziel eines jeden Irren mit einer tragbaren Atomwaffe oder einem Pockenspender, und weil das Leben in New York noch schneller von großartig zu grauenvoll umschlagen konnte, als es in New Orleans geschehen war. Ich leistete meinen Beitrag als Bürger vermutlich schon dadurch, dass ich mit den vielen neuen Fadenkreuzen lebte, die George Bush mir – wie auch jedem anderen New Yorker – durch das Anzetteln seines nicht gewinnbaren Krieges im Irak, durch das Verschleudern von Hunderten Milliarden Dollar, die man zur Bekämpfung tatsächlicher Terroristen hätte einsetzen können, durch die Aktivierung einer neuen Generation Amerika hassender Dschihadisten und die Vergrößerung unserer Abhängigkeit von ausländischem Öl auf den Rücken gemalt hatte. ---Seite 28 ff.--- Family life … Nur ich hatte noch ein Problem. Das Problem waren meine Eltern. Von den vielen Dingen, vor denen ich damals Angst hatte – Spinnen, Schlaflosigkeit, Angelhaken, Schultanzveranstaltung, Baseball, Höhen, Bienen, Urinalen, der Pubertät, Musiklehrer, Hunden, der Schulcafeteria, Tadel, älteren Teenagern, Quallen, Umkleideräumen, Bumerangs, beliebten Mädchen, Turmspringen –, hatte ich wohl am meisten Angst vor meinen Eltern. Mein Vater hatte mich fast nie verprügelt, aber wenn er es einmal doch getan hatte, war sein Zorn biblisch gewesen. Meine Mutter besaß Krallen, mit denen sie – ich war drei oder vier, und Nachbarskinder hatten mir Vaseline ins Haar geschmiert, um eine Art Mini-Halbstarken aus mir zu machen – zwischen kochend heißen Wassergüssen wiederholt auf meine Kopfhaut losgegangen war. Ihre Ansichten waren noch schärfer zugespitzt als ihre Krallen. Man wollte sich einfach nicht mit ihr anlegen. ---Seite 100 f.--- 50/15… Mehr und mehr pflegte ich zwei getrennte Varianten meiner selbst, den offiziellen fünfzig Jahre alten Jungen und den inoffiziellen Heranwachsenden. (…) Drei Jahre lang, während der gesamten Unterstufenzeit, war mein sozialer Tod stark überdeterminiert. Ich hatte einen großen Wortschatz, eine flattrige Piepsstimme, eine Hornbrille, kaum Kraft in den Armen, die allzu offensichtliche Wertschätzung meiner Lehrer, den unwiderstehlichen Drang, lautstark dröge Wortspiele zu machen, eine nahezu eidetische Vertrautheit mit J. R. R. Tolkien, ein riesiges Chemielabor im Keller, die Neigung, jedes unbekannte Mädchen, das so unklug war, mich anzusprechen, plump-vertraulich zu beleidigen und so weiter. Doch die wahre Todesursache war, so zumindest sah ich es, die Weigerung meiner Mutter, mich in Jeans zur Schule gehen zu lassen. (…) Hilfe nahte schließlich in der zehnten Klasse, als ich die geradegeschnittenen Cord-Levi’s entdeckte und mich, durch den glücklichen Umstand meiner Zugehörigkeit zur Congregational Church, im Zentrum der Gemeinschaftsclique an der Highschool wiederfand.» ---Seite 127 f.---
© 2012 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek.
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